Ich bin halt einfach so.

MONTAG 07:15 → Wienfluss, Wien.

Ein Märzwind fegt den Kanal entlang — der Frühling behauptet sich zwar bereits mit den ersten Sonnenstrahlen, aber Wien glaubt ihm noch nicht so recht.

Mein erster Klient der Woche setzt sich mir gegenüber und serviert mir die klassische Einleitung: »Du, ich bin halt einfach so.« Vier Worte — die wohl teuerste Lüge der deutschen Sprache.

Das ist ein bisschen wie bei einem echten Wiener, der zum ersten Mal einen Cappuccino mit Hafermilch probiert: Man rümpft die Nase, weil man es nicht anders kennt. Aber du bist nicht »einfach so«. Du warst mal so, weil es damals funktioniert hat. Irgendwann zwischen deinem dritten und dreizehnten Lebensjahr hat dein Nervensystem eine Strategie gebaut, die dich durch etwas hindurchgebracht hat, das schlichtweg zu groß für dich war.

Seitdem läuft der Autopilot — wie eine alte, treue Siebträgermaschine, die zwar laut rattert und dampft, aber immerhin zuverlässig den schwarzen Stoff liefert, den du zum Überleben brauchst. Nur: Das Ziel deiner Reise hat sich längst geändert. Und du verpasst dank deines Autopiloten jedes Mal die Ausfahrt Richtung Ziel.

Wenn das Handwerk zur Routine erstarrt

In meinem Buch beschreibe ich die Siebträgermaschine als das Heiligtum, den Altar der Koffeeingötter. Sie steht für Beständigkeit und sorgfältige Handwerkskunst. Aber was passiert eigentlich, wenn die Maschine zwar tadellos läuft, die Nadel des Manometers brav im grünen Bereich bleibt, aber der Kaffee längst nicht mehr schmeckt?

Wenn du merkst, dass die Bohne bitter geworden ist, egal wie akribisch du den Siebträger auch reinigst?

Das ist der Moment, in dem die »zuverlässige Strategie« deiner Vergangenheit zur Belastung wird. Dein emotionaler Autopilot liefert Ergebnisse, ja. Aber passen diese Ergebnisse noch zu dem Menschen, der du heute sein willst?

Der Moment zwischen Funktion und Sinn

Transformation beginnt oft nicht mit einem großen Knall oder einer vollständigen Umstrukturierung über Nacht. Sie beginnt in diesem hauchdünnen Raum zwischen »es funktioniert ja« und »aber wofür eigentlich«. Es ist der Moment, in dem du merkst, dass du zwar perfekt im Takt bleibst, aber die Musik schon längst aufgehört hat zu spielen.

Dieses desorientierende Dilemma ist der wahre Startschuss für inneres Wachstum. Es ist ein leiser, fast schüchterner »Moment mal.« Keine Explosion. Kein Drama. Nur ein stiller Verdacht, dass da mehr sein könnte als das, was du dir bisher erlaubt hast.

Vielleicht ist es an der Zeit, ein paar neue Tanzschritte zu lernen. Nicht, weil die alten falsch waren — sie haben dich schließlich bis hierher gebracht — sondern weil die Bühne heute eine andere ist.

Reflexions-Tool

Schreib den Satz auf, den du am häufigsten über dich selbst sagst. Den einen. Der, bei dem du nicht mehr nachdenkst, weil er sich anfühlt wie Wahrheit.

Dann frag dich: Wann habe ich das zum ersten Mal gedacht? Wie alt war ich? In welcher Situation? Und: Stimmt es noch — oder ist es ein Relikt aus Schilling-Zeiten?

Hör heute mal genau hin, wenn deine innere Maschine rattert. Ist es noch Leidenschaft — oder längst nur noch Gewohnheit?

Welches »Ich bin einfach so« erzählst du dir seit Jahren — ohne es jemals zu hinterfragen?

Espresso Nummer zwei. Sodee und Blue Jeans patrouillieren bereits im Revier.

Atmen nicht vergessen. 4-4-6.

Ruth Pauline Wachter

RE-ACT Consulting ist ein eingetragenes Einzelunternehmen, das seit 2012 von Mag. Ruth-Pauline Wachter für den Zweck der Unternehmensberatung und psychosozialen Beratung genutzt wird. RE-ACT Consulting hat als Firmensitz Niederösterreich (2440 Gramatneusiedl) ins Firmenbuch eingetragen. Die operative Betriebsstätte ist in 1120, Wien.

http://www.rpwachter.com
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Zuerst klopfen, dann panieren.